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Das biozentrische Prinzip

Feliciano E. V. Flores
Übersetzung: Gabriele Freyhoff


(Artikel aus der Europäischen Biodanza-Zeitschrift 2000)

    Im Rahmen der Theorie von Biodanza stellt uns Rolando Toro sein biozentrisches Prinzip vor, einer Erweiterung des ökologischen Gefühls über die Grenzen oder Nicht-Grenzen des Kosmos hinaus.

    Für Rolando ist sein biozentrisches Prinzip ein Stil zu denken und zu fühlen, dessen Ausgangspunkt und grundlegende Bedeutung das Verstehen und das Erleben eines lebendigen weiteren Systems, des Universums nämlich, ist.

    Das biozentrische Prinzip, also, gründet sich auf der Konzeption, dass das Universum ein immenses lebendiges System ist. Das Leben – in seiner subtilen Form - durchdringt alles, was ist und trägt die Totalität. Die universelle Dynamik ist der Ausdruck des Lebens.

    Für Rolando sind es nicht nur die Pflanzen, die Tiere und die Menschen, sondern Gaia, die das Leben offenbaren. Alles, was existiert, von den Teilchen-Wellen bis zu den Supernovas, von den Grundgeräuschen des Kosmos bis zum Gesang der Vögel, vom Sand der Wüste und den Felsen der Berge zu den subtilsten Gedanken und den erdrückendsten Emotionen, alles ist Leben.

    Die Physiker entwickelten Meinungen und Theorien über die sich ausdehnende Entstehung des Universums, den Urknall, und verstehen dies als einen abgestuften Prozeß, gestaltetet durch die Entropie, und in Richtung auf eine totale Desorganisation (entropic doom) hinweisend.

    Das Leben offenbart sich jedoch, zumindest in der Form, die wir auf der Erde kennen, als ein Prozeß der Organisation.

    In der Theorie Rolando Toro‘s gleichen diese zwei universellen Prozesse (Organisation und Desorganisation) den Prozessen, die in den Äußerungen des Lebens auf der Erde geschehen und in den sogenannten "lebenden Organismen" repräsentiert sind.

    Während die entropische Degradierung, die durch eine Abnahme von Energie bis zum thermischen Zustand gekennzeichnet ist, die katabolische (zerfallende) Funktion dieses immensen Organismus repräsentiert, wird die Organisation des Lebens durch die Neguentropie (oder Sintropie) genährt, der sich durch einen anabolischen (aufbauenden) Prozeß des lebenden Universums charakterisiert.

    Mit den Worten von Rolando, "existiert das Universum, weil das Leben existiert, und nicht umgekehrt, und die Beziehungen der Umwandlung von Materie in Energie sind Integrationsniveaus des Lebens." Für ihn ist das Leben nicht auf das Resultat chemischer und energetischer Prozesse begrenzt, sondern resultiert aus einem "implizierten" Programm, das den Aufbau des Universums lenkt.

    Während die Erörterungen von David Bohm darlegen, dass unter der expliziten Herrschaft der Wissenschaft eine implizite Herrschaft der unteilbaren Totalität hervordringt, schlägt Rolando Toro vor, dass das "implizite, vereinende oder transzendentale Fundament das Leben sei, das den expliziten Daten zugrunde liege" (BOHM, 1992).

    Die Idee des Universums als ein lebendes System dürfte in irgendeiner Form in unserem kollektiven Unbewußten verankert sein. Ausgehend von der Betrachtung der Sterne hatten wohl schon die Prä-Sumerer im 3. Jahrtausend vor Chr. eine kosmischen Ordnung wahrgenommen, die "aus den Tiefen ihrer Vorstellung" die Erkenntnis der Ähnlichkeit zwischen der universellen und der körperlichen Dynamik auslöste. "Es bildete sich ein umfassender Begriff des Universums als ein lebendes Wesen heraus, vergleichbar mit einer großen Mutter, in deren Leib alle Welten, sowohl das Leben als auch der Tod ihre Existenzberechtigung hatten. Und der menschliche Körper ist, in Miniatur, eine Reproduktion der makrokosmischen Form." (CAMPBELL, 1991).

    Bei einigen Philosophen, so auch unter den Ideen, die dem prä-sokratischen Philosophen Tales von Milet (7. bis 6. Jh. vor Chr.) zugeordnet werden, konnte man eine Konzeption identifizieren, die später vom epikuräischen Hylzoismus (3. Jh. vor Chr.) bestätigt wurde: Materie (und im weiteren Sinne das ganze Universum) wurde als ein biologischer Organismus betrachtet.

    Heutzutage nähern sich einige Autoren dieser Sichtweite, obwohl sie allerdings noch nicht den Mut oder die intuitive Öffnung von Rolando Toro haben.

    RUSSELL (1991) stellt sich in seinem Buch Das Erwachen der Erde: das globale Gehirn (O Despertar da Terra: o cérebro global) dieselbe Frage: "Kündigt die Möglichkeit von zehn Billionen lebender Planeten in unserer Galaxie das Auftauchen eines galaktischen Superorganismus an, dessen Zellen erwachte Gaias sind?"

    Während man bei TORO (1982, 1986, 1991) eine Konzeption wahrnimmt, in der die Arten des Lebens auf der Erde und eventuell auf den Planeten Formen der Offenbarung des Lebens seien, die das Universum durchdringen, geht Russel nur so weit, zu sagen, dass die Möglichkeit der Evolution eines galaktischen Superorganismus von der Evolution des Bewußtseins auf den "lebenden Planeten" ausgeht (Anthropozentrismus?), im Rahmen dessen, was Felder von Gaia genannt wird, bis zu einem Niveau, das er dem Brahman der Hindus gleichsetzt.

    In seinem letzten und herausforderndsten Werk Das Netz des Lebens: eine neues wissenschaftliches Verständnis der lebenden Systeme (A Teia da Vida: uma nova compreensão científica dos sistemas vivos) erweitert CAPRA (1997) nach der Analyse der Hypothese Gaia als lebendes System versuchsweise seine Fragestellung auf das ganze Universum: "Lebt das Universum?" Doch noch von der Rigidität wissenschaftlicher Methoden eingeschränkt, wagt er zu behaupten: "Für viele Menschen, mich einschließlich, ist es philosophisch und spirituell befriedigender anzunehmen, dass der Kosmos als Ganzes lebt. Im Rahmen der Wissenschaft, jedoch, können wir oder können wir noch solche Behauptungen nicht machen. Wenn wir unsere wissenschaftlichen Kriterien auf das Leben im ganzen Universum ausdehnen, begegnen wir ernsten begrifflichen Schwierigkeiten".

    Rolando seinerseits versucht seine Position nicht durch die Methoden der deduktiven Logik, die zitierten wissenschaftlichen Kriterien zu rechtfertigen, die Capra fesseln, noch hält er dies für notwendig. Sein Fokus ist die Kenntnis, die aus der Intuition und des Erlebens des eigenen Lebens entsteht. Er geht mutig von seiner intuitiven Empfindung aus, dass das Universum ein fabelhaftes lebendes System, der kosmische Organismus, ist.

    Sehr interessant ist auch eine Leseprobe aus dem letzten Kapitel des Werkes von DE DUVE (1997), dessen Titel schon überraschend und anregend ist: Vitaler Staub: das Leben als kosmischer Imperativ (Poeira Vital: a vida como imperativo cósmico). Christian de Duve, ein belgischer Biochemiker, Preisträger des Nobelpreises 1974, führt in diesem letzten Kapitel ungezwungen einen Begriff mit dem Untertitel "Der lebende Kosmos" ein, welches mit dem Satz beginnt: "Das Universum ist ein Saatbeet des Lebens." Im weiteren Text stimmt er mit Russel, wie oben zitiert, überein: "Die Erde ist Teil - zusammen mit Trillionen von ähnlichen Körpern - einer kosmischen Wolke von ‚vitalem Staub‘, die existiert, weil das Universum das ist, was es ist." Danach nähert er sich ein wenig mehr der Auffassung von Rolando Toro, als er schreibt: "Das Universum ist Leben mit der notwendigen Struktur rings um; es besteht hauptsächlich aus Trillionen von Biosphären, die durch den Rest des Universums geboren und genährt werden."

    Als lebendes System, entwickelt sich das Universum. Die Entwicklung des Universums ist, in Wirklichkeit, die Entwicklung (Evolution) des Lebens.

    Unser Platz in diesem System, als bewußte Äußerungen des Lebens, erhält eine grundsätzlich andere Perspektive als die, die uns von der Kultur gelehrt wurde.

    Wir sind nun keine passiven Wesen mehr, die durch ein tragisches Schicksal geführt werden, und allein "in der unermeßlichen indifferenten Weite des Universums", aus der wir aus Zufall auftauchten, wie Jacques Monod (MONOD, 1971) feststellte.

    In diesem lebenden Universum sind wir Leben und "unsere Bewegungen entstehen mit der Absicht, den evolutiven Prozeß zu nähren, um mehr Leben im Leben hervorzubringen", so die Worte von Rolando.

    Wir sind also Schöpfer des Lebens, bewußte Teil-Nehmer des kosmischen Stoffwechsels.

 

                              Zitierte Literatur:

BOHM, David, A Totalidade e a Ordem Implicada. São Paulo: Cultrix, 1992.

CAMPBELL, Joseph, A Extensão Interior do Espaço Exterior: a metáfora como mito e religião. Rio de Janeiro: Campus, 1991.

CAPRA, Fritjof, A Teia da Vida: uma nova compreensão científica dos sistemas vivos. São Paulo: Cultrix 1997.

DE DUVE, Christian, Poeira Vital: a vida como imperativo cósmico. Rio de Janeiro: Campus, 1997.

MONOD, Jacques, O Acaso e a Necessidade. Petrópolis-RJ: voyes, 1971.

RUSSEL, Peter, O Despertar da Terra: o cérebro global. São Paulo: Cultrix, 1991.

TORO, Rolando, Teoria da Biodança – coletânea de textos. 3 Tomos. Fortaleza: Ed. ALAB, 1982, 1986, 1991.

 

Literatur, die in deutsch erhältlich ist:

Bohm, David, Die verborgene Ordnung des Lebens, 1988 (vergriffen).

CAPRA, Fritjof, Lebensnetz. Scherz, München 1996.

DE DUVE, Christian, Aus Staub geboren – Leben als kosmische Zwangsläufigkeit. Rowohlt, Reinbek 1995.

MONOD, Jacques, Zufall oder Notwendigkeit. Piper, München 1996.

RUSSEL, Peter, Die erwachende Erde. Heine- Sachbuch, München (vergriffen)

   

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